Was ich nicht wissen wollte

Cleaulem

Die meisten werden so etwas schon einmal erlebt haben: Man mag oder verehrt sogar eine Person, die etwas großartiges geleistet hat. Sei es ein*e Künstler*in, deren Werk man sehr mag, oder eine andere Person, die gute Dinge getan hat. Man schätzt diese Person dafür und denkt dadurch, dass sie deshalb automatisch ein guter Mensch sein muss. Doch dann geschieht es: Man sieht eine andere Seite dieser Person, eine sehr hässliche Seite sogar. Diese Person hat etwas fürchterliches gesagt oder getan, was man niemals von ihr gedacht hätte. Und die Fassade fällt in sich zusammen. Man ist von dieser Person enttäuscht, und auch ein bisschen von sich selbst, weil man sich dafür schämt, dass man diese Person einmal gut fand.

So etwas ist mir gerade passiert: Notch, der Schöpfer des Spieles Minecraft, hat folgenden Tweet herausgehauen:

Tweet von Notch

Link zum Original-Tweet

Ich musste diesen Tweet mehrmals lesen und habe mir auch den gesamten Thread durchgelesen, um sicherzugehen, dass er das genauso meinte, wie es da stand. Und er meint es genauso: Er bezeichnet Transidentität als eine Art Störung der Selbstwahrnehmung, ähnlich wie Magersucht, wo sich die Betroffenen selbst als dick wahrnehmen, obwohl sie nur noch Haut und Knochen sind. Ich möchte hier jetzt keine Diskussion über Transidentität oder das Phänomen Transgender beginnen, aber ich habe eine ganz klare Meinung dazu und ich denke, dass dieser Tweet von Notch eine reaktionäre und engstirnige Denkweise offenbart. Hier soll es auch nicht um den Inhalt dieses Tweets gehen, sondern um meine Sichtweise dazu.

Die Person Notch

Notch (der Spitzname von Markus Persson) ist ein schwedischer Spieleentwickler, der vor allem für die Entwicklung des Spieles Minecraft bekannt ist. Dieses Spiel wurde Anfang der 2010er Jahre ein riesiger Überraschungserfolg, der Notch zu einem reichen Mann machte.

Ich selbst bin ein leidenschaftlicher Minecraft-Spieler. Ich habe unzählige Stunden mit diesem Spiel verbracht und verbinde damit sehr viele schöne Erinnerungen. Man kann sagen, dass Minecraft für mich persönlich recht wichtig ist. Insofern blieb es nicht aus, dass ich eine gewisse Bewunderung für den Menschen hegte, der dieses wundervolle Spiel erschaffen hatte.

Ich habe die Biografie über Notch und der Entwicklung von Minecraft von Daniel Goldberg und Linus Larsson gelesen, die mein Bild dieses Mannes recht stark geprägt hat. Dort wird die Geschichte eines ambitionierten, aber recht mittellosen Spieleentwicklers erzählt, der durch einen Glücksgriff Ruhm und Erfolg erntet. Notch wurde in diesem Buch nicht idealisiert, es wurde alles recht objektiv beschrieben, auch wie ihm der Erfolg letztendlich zu Kopf stieg.

Mir waren auch die Geschichten bekannt, wie Notch rauschende Partys in seiner Villa in Los Angeles schmiss, nachdem er durch den Verkauf seiner Firma Mojang und der Marke Minecraft an Microsoft zum Milliardär wurde. Wie er in schreckliche Depressionen verfiel, weil er mit diesem unglaublichen Reichtum nicht zurechtkam. Ich sah in Notch keinen übermenschlichen Gott, keine glänzende moralisch erhobene Gestalt. Ich sah ihn eher neutral, ich hatte keine besondere Meinung von ihm. Aber ich dachte, er sei ein einigermaßen korrekter und offen denkender Mensch.

Und dieses "neutrale" Bild wurde jetzt durch diesen Tweet erschüttert. Ich folge Notch auf Twitter, und ich hatte auch andere Tweets mitbekommen, wo er sich ein wenig im Ton vergriffen hatte. Aber ich habe ihnen niemals allzu viel Beachtung geschenkt. Es war mir ziemlich egal. Doch dieser Tweet war ein wenig wie ein Schlag ins Gesicht, weil er einfach so unglaublich dumm war. Und das hat mein Bild von Notch immens erschüttert.

Der Halo-Effekt

Das ist eine Erfahrung, die ich leider sehr oft gemacht habe. Menschen, die ich einst bewunderte, denen ich ausschließlich positive Eigenschaften zuschrieb, entpuppten sich bei näherem Hinsehen als ziemliche Enttäuschungen. Mit sehr sehr wenigen Ausnahmen gab es keine Person in meinem Leben, die bei näherem Hinsehen nicht doch ein ziemlicher Drecksack ist. Es war für mich schon ziemlich ernüchternd, als mir das klar wurde. Und selbst wenn man jetzt keine allzu großen Erwartungen an jemandem hat, so wie bei Notch, wird man trotzdem sehr häufig enttäuscht.

Tatsächlich ist dies ein in der Psychologie sehr bekanntes Phänomen, das unter dem Begriff Halo-Effekt bekannt ist. Wikipedia dazu:

Der Halo-Effekt (von englisch halo, Heiligenschein) ist eine aus der Sozialpsychologie bekannte kognitive Verzerrung, die darin besteht, von bekannten Eigenschaften einer Person auf unbekannte Eigenschaften zu schließen. Wenn zum Beispiel Person A Sympathie für Person B empfindet und generell Menschen sympathisch findet, die großzügig sind, wird Person A annehmen, dass Person B großzügig ist, ohne dafür irgendeinen Hinweis zu haben. Bei einer positiven Verzerrung spricht man auch vom Heiligenschein-Effekt, bei einer negativen vom Teufelshörner-Effekt.

Wenn man von einer Person also nur einige wenige Eigenschaften kennt, schließt man aufgrund dieser Eigenschaften auf die gesamte Person. Das ist auch recht logisch, denn wir können nur mit dem umgehen, was wir über diese Person wissen. Erscheint uns eine Person auf den ersten Blick sympathisch, dann nehmen wir an, dass die Person in ihrer Gesamtheit ausschließlich sympathische Eigenschaften hat. Das ist eine sogenannte kognitive Verzerrung.

Ich habe es selbst recht oft erlebt, dass ich eine Person anfangs sehr sympathisch fand und mir dann später Eigenschaften an ihr aufgefallen sind, die sie mir eher unsympathisch machten. Mein anfangs positives Bild dieser Person bekam Risse, was mir auch immer ein gewisses Unwohlsein bescherte.

Ich möchte mich selbst hier auch mal als Beispiel nennen. Die Menschen, die mich kennen, beurteilen mich nach dem, wie sie mich im persönlichen Umgang kennengelernt haben und was sie von mir wissen. Tatsächlich gibt es eine Person, von der ich den Eindruck habe, dass sie mich sehr mag und dass sie recht viel von mir hält. Es gibt aber eine Sache, die diese Person nicht über mich weiß. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich nicht mehr mögen würde, wenn sie diese Sache über mich wüsste. Diese Person ist also ein Opfer des Halo-Effekts, und ich kann dies interessanterweise sehr gut reflektieren, weil ich hier den Heiligenschein trage.

Oft es ist besser, wenn man doch nicht alles über eine Person weiß. In meinem Fall ist es gut, dass diese Person eben nicht alles über mich weiß, weil unsere Beziehung sonst bösen Schaden nehmen würde, der in diesem Fall unnötig ist. Jeder von uns hat seine Leichen im Keller, und jeder von uns hat Dinge getan, auf die er/sie nicht stolz sein kann. Doch nicht immer machen solche Sachen eine Person als ganzes aus, so dass es gut ist, wenn sie im Verborgenen bleiben. In anderen Fällen, wie hier bei Notch, bin ich aber froh, dass ich jetzt weiß, was ich von ihm zu halten habe. Es kommt immer auf den Einzelfall an.

Es ist unangenehm, aber man muss mit dieser Enttäuschung leben lernen. Man wird immer Menschen treffen, die man sympathisch findet, die sich dann aber als Mogelpackung herausstellt. Andererseit trifft man Menschen, die man anfangs nicht leiden kann, die dann bei näherem Hinsehen doch nicht so übel sind. Es ist jedoch viel schwerer, ein negatives Vorurteil in ein positives Bild einer Person umzuwandeln. Man muss dafür relativ offen sein.

Dass Notch so reaktionär und engstirnig ist, war schon eine gewisse Enttäuschung für mich. Aber es stürzt mich glücklicherweise nicht in eine Sinnkrise, weil ich keine allzu hohen Erwartungen hatte. Ich hatte da schon schlimmeres erlebt. Aber trotzdem ist es immer wieder ernüchternd, so etwas zu erleben, weil man es sich selbst den Vorwurf macht, sich in einer anderen Person getäuscht zu haben.

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